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Mei Fähr Lady, 05.10.2017, Theater Viel Lärm um Nichts

Mei Fähr Lady Foto Helmut Koch

Mei Fähr Lady Foto Helmut Koch

Es grünt so grün wenn Spaniens Blüten blühen. Wer kennt ihn nicht, den berühmten Satz aus dem Musical/Film My Fair Lady, in dem Professor Higgins dem Blumenmädchen Eliza den Dialekt austreibt und sie zu einer echten Lady macht. In der deutschen Fassung ist dieser Dialekt klassischerweise das Berlinerische, im Gärtnerplatztheater demnächst Bairisch. Doch in der Pasinger Fabrik läuft es in dem Stück Mei Fähr Lady genau anders herum. Die Chinesin Mei Ding will ihrem tristen Berufsalltag als Putzfrau entkommen und bewirbt sich als Angestellte einer Donaufähre. Doch da gibt es nur ein Problem: sie muss innerhalb eines Jahres für ihren Traumjob perfektes Bairisch lernen. Dabei hilft ihr der Sprachprofessor Ludwig Zehetner, der sie und zwei weitere Schüler (einen schnöseligen Manager und ein französischer Rapper) in die Geheimnisse des bairischen Dialektes einweiht. Das Stück aus der Feder von Josef Berlinger wurde bereits vor einigen Jahren im Turmtheater Regensburg uraufgeführt. Was es jedoch vor allem von der Musical-Vorlage unterscheidet ist die Tatsache, dass der Darsteller von Mai Dings Lehrer ein tatsächlicher Professor ist: Prof. Ludwig Zehetner ist Dialektologe an der Universität Regensburg und ist mir schriftlich bereits im Rahmen meiner Masterarbeit schon des Öfteren über den Weg gelaufen. Er gilt als renomiertester Experte in der Erforschung des bairischen Dialektes und setzt sich sehr für dessen Förderung ein. Natürlich merkt man, dass Professor Zehetner kein Schauspieler ist, doch macht genau er diese Inszenierung zu einer spannenden Mischung zwischen Komödie und wissenschaftlichem Vortrag. Dass er manchmal nicht so flüssig im Text ist wie seine Kollegen und er im Gegensatz zu ihnen mit Mikrofon spielt stört keineswegs, kann er dies doch mit viel Humor und vor allem Fachwissen ausgleichen. Dabei ist es keine langweilige Aneinanderreihung von Fakten. Man lernt beispielsweise blumige Beschimpfungen, typische Sprichwörter für alle Lebenslagen und besondere sprachliche Eigenheiten, die das Bairische etwa mit dem Französischen oder Tschechischen verbinden. Auch als Bayer kann man so auf unterhaltsam Art und Weise viel Neues über den eigenen Dialekt lernen, aber auch für alle anderen ist es sicher ein interessanter Ausflug in das Fach der Dialektologie.

Mei Fähr Lady Foto Helmut Koch

Mei Fähr Lady Foto Helmut Koch

Eva Sixt zeigt als Mai Ding eine wundervolle Wandlung von der schüchternen Putzfrau zur selbstbewussten Frau. Dabei ist sie anfangs – ganz im Sinne der Komödie – die typische, übereifrige Klischee-Chinesin. Doch mit jeder neuen Sprachstunde entwickelt sie eine wundervolle Individualität, die zwei Kulturen in sich vereint. Vor allem ihr Zusammenspiel mit dem Professor ist sehr schön inszeniert und dargestellt, entwickelt sich doch eine Art Freundschaft zwischen den Figuren.

Klischeehafter bleiben da die Charaktere der beiden männlichen Schüler: der Manager Striede, der sich einen alten Bauernhof als Zweitwohnsitz gekauft hat und sich nun besser in das bayerische Dorf-Idyll einfügen möchte und der (junggebliebene) Franzose Jean Jacques, der sich in eine resolute Kellnerin verliebt hat und ihr näher kommen möchte, indem er ihren Dialekt lernt. Beide Rollen werden von Titus Horst gespielt, der damit definitiv die meisten Lacher auf seiner Seite hat, vor allem als der “Preiss” (Preuße) Striede, der übereifrig mit dem Tablet daher kommt und trotzdem nicht so wirklich etwas zu lernen scheint. Für Abwechslung sorgen die Szenen, die nur unter den Schauspielern stattfanden, wenn etwa der Professor seiner Sektretärin alias der Stimme aus dem Off beim Papierstau helfen musste. Mei Ding lernt etwa ihren Mitschülern absichtlich falsche Begriffe, wenn sie ihnen zu sehr auf die Nerven gehen.
Eine klassische Theaterinszenierung findet man in “Mei Fähr Lady” tatsächlich trotzdem nicht. Man sollte sich schon für den bairischen Dialekt begeistern können, um Spaß an diesem außergewöhnlichen Projekt zu haben. Bairisch verstehen muss man tatsächlich nicht, da Professor Zehetner alles wunderbar erklärt. Ich habe mich in jedem Fall sehr amüsiert und zugleich viel Neues über meine eigene Kultur und Sprache lernen können. Und etwas für die Lachmuskeln ist natürlich trotzdem geboten. Noch am 8., 12., 13. und 14. Oktober ist “Mei Fähr Lady” in Pasing zu sehen und ich kann abschließend nur empfehlen: Gehts eini!
Der Dialekt-Professor: Ludwig Zehetner
Mei Ding, Putzfrau: Eva Sixt
Striede, Manager: Titus Horst
Boulanger, Rapper: Titus Horst
Anna Albertini, Sekretärin: Alba Falchi
Text, Regie und Bühnenbild: Joseph Berlinger
Sounds: Adrian Bernhard, Sepp Frank, Anka Draugelates
Fotos: Helmut Koch
Ein Gastspiel des TURMTHEATER REGENSBURG

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Vorschau Premiere Derfs a bisserl Poltern – Südsehen, 06.10.2017, Einstein Kultur

Derfs a bisserl Poltern

Collage aus Szenen und Sketche von Gerhard Polt

Gespielt wird eine Auswahl früher Sketche und Geschichten aus der legendären Satire-Serie Fast wia im richtigen Leben und dem Theaterstück Tschurangrati, das von Deutschen in der Fremde und Fremden in Deutschland erzählt.

Es spielen: Ulrike Dostal, Sushila Sara Mai, Erwin Brantl und Robert Ludewig

Regie: Robert Ludewig | Ausstattung und Bühne: Aylin Kaip

 

Tickets für 18,- € – Kartenvorverkauf unter Email tickets@einsteinkultur.de oder Tel.: 089/416 173 795

Termine in der Einstein-Kultur, Einsteinstr. 42, München:

06.10.2017 Freitag 19:30 Uhr PREMIERE

07.10.2017 Samstag 19:30 Uhr

08.10.2017 Sonntag 17:30 Uhr

 

07.12.2017 Donnerstag 19:30 Uhr

08.12.2017 Freitag 19:30 Uhr

 

03.02.2018 Samstag 19:30 Uhr

04.02.2018 Sonntag 17:30 Uhr

 

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Vorschau Spielzeiteröffnung kleines theater – KAMMERSPIELE Landshut, 06.10.2017

DIE DREIGROSCHENOPER
von Bertolt Brecht und Kurt Weill
Regie: Sven Grunert
Mit Cristina Andrione, Julius Bormann, Agnes Decker, Knud Fehlauer, Rudi Knauss, Oliver Koch, Christoph Krix, Monika Lachermeir, Carmen-Dorothé Moll, Peter Pichler, Nathalie Schott

Auftaktpremiere: Freitag, 06. Oktober 2017, 19.00 Uhr

Das kleine theater – KAMMERSPIELE Landshut feiert 25-jähriges Jubiläum! Zum Auftakt der Spielzeit 2017/2018 bringt Intendant Sven Grunert eine der spektakulärsten und erfolgreichsten Großproduktionen in der Geschichte des Hauses erneut auf die Bühne: „Die Dreigroschenoper“.
Macheath ist „Mackie Messer“, der Häuptling der Londoner Einbrecher. Seine Spezialität sind Raubüberfälle, Mord und Zuhälterei. Protegiert wird er von Polizeichef Tiger-Brown, geliebt von Polly Peachum, der Tochter des Chefs der Londoner Bettlergewerkschaft. Als Mackie sie in einem Pferdestall heiratet, setzt der Vater alles daran, den Verführer an den Galgen zu bringen. Im Herzen von Soho kommt es zum Kampf der Giganten, Kriegsschauplatz ist das Bordell.
Der Mensch – ein domestiziertes Ungeheuer? Ein genusssüchtiges, amoralisches Wesen, das sich hinter der Fassade geschäftstüchtiger Bürgerlichkeit verbirgt? Wo endet der Reichtum und beginnt das menschliche Elend? „Denn die einen sind im Dunklen und die anderen sind im Licht.“
Mit der Uraufführung seiner Dreigroschenoper 1928 hat Brecht Theatergeschichte geschrieben. Die grandiose Satire über die Verstrickungen von Bürgerlichkeit und Verbrechen, Moral und menschliche Begierden ist ein Spektakel mit bissigem Hintergrund und hat bis heute nichts von seiner Brisanz verloren. Regisseur Grunert inszeniert es mit teils neuer Besetzung und frischen Impulsen für das Landshuter Publikum.

Karten gibt es Dienstag bis Freitag von 17 bis 19 Uhr an der Theaterkasse, Bauhofstraße 1, Telefon 29465. Onlinekarten: www.kleinestheaterlandshut.de. Die Abendkasse ist eine Stunde vor Vorstellungsbeginn geöffnet.

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Lesung Karl Ove Knausgard, 23.08.2017, Edinburgh International Book Festival

Das neuste Buch von Karl-Ove Knausgard Im Herbst entstand aus der Idee seiner noch ungeborenen Tochter Briefe über das Leben zu schreiben, das sie erwartet und darüber, was sein Leben in dieser Welt so lebenswert mache. So erzählt er seinem vierten Kind über ihre zukünftige Familie, das Haus und den Garten.

Dann fasste er den Entschluss, jeden Monat ungefähr 20 Essays zu schreiben, für den ersten Band einer Reihe von insgesamt vier Büchern. Das erste Essay war eine Auftragsarbeit einer amerikanischen Zeitschrift. Gleichzeitig arbeitete er an dem Tagebuch für seine Tochter, das ungefähr 150 Seiten umfassen sollte und ein Geschenk zu ihrem 18. Geburtstag werden. Beides zusammen kann man in Im Herbst lesen.

Als er jünger war, entdeckte er eine norwegische Übersetzung von Gedichten, die France Ponge verfasst hatte. Karl-Ove Knausgard war bis dahin eher Romane gewöhnt und es faszinierte ihn, wie unterschiedlich die Ausdrucksmöglichkeiten von Romanen und Gedichten sein können. Auf maximal zwei Seiten könne er Dinge ganz anders ausdrücken und auch ganz andere Dinge zum Ausdruck bringen als in einem langen Roman.
Ähnliches wollte er in den Essays versuchen und setzte sich eine Begrenzung von zwei Seiten pro Thema. Einige seien zwar etwas länger geworden, aber in der Regel sei er mit zwei Seiten ausgekommen. Jeden Morgen habe er sich ein Thema ausgedacht und einmal ausgewählt, durfte es nicht mehr geändert werden. Am einfachsten sei es gewesen, über die unscheinbaren, einfachen Dinge zu schreiben. Komplexere Themen wie Liebe seien viel schwieriger. Irgendwann kam er an den Punkt, an dem er seinen Verleger um Themenvorschläge bat.

Bei seinen vorherigen Büchern habe er stets in sich hineingeschaut. Jetzt änderte sich die Richtung, er schaute nach außen und ließ die Welt hinein. Er liebt Lexika, in der Welt in kleinen Abschnitten erklärt wird, aber stellt schnell fest, dass keine Beschreibung wirklich objektiv sein könne. Knausgards Ziel war, Dinge die wir kennen aus einem etwas anderen Blickwinkel zu beschreiben und verglich seine Essays mit Edvard Munchs Bildern eines Kastanienbaums. Dessen Werke seien ihm sehr vertraut und er war vor vielen Jahren Kurator einer Munch-Ausstellung in Oslo.

Munch habe auf seinen ersten Bildern immer in sich hineingeschaut, viel von sich preisgegeben. Nachdem er in einer psychiatrischen Klinik war, habe er auf seine Umwelt geschaut, nach außen. Das könne man deutlich bei seinen Bildern sehen. Vorher habe er sein Innenleben gezeigt, später nicht mehr. Er habe wie besessen gemalt, egal ob es ein Meisterwerk wurde oder nicht. Bei van Gogh sei es genau umgekehrt gewesen. Er habe mit schrecklichen Bildern begonnen, viel gelernt und sei brillant geworden.

Karl Ove Knausgard

Karl Ove Knausgard beim Signieren Foto CK

In seinem neuen Buch ginge es nicht um Beziehungen oder Menschen, sondern um die Welt wie sie sei. So hätten ihn zum Beispiel Adern fasziniert, die wie Flüsse in uns seien. Obwohl er kein traditionell religiöser Mensch sei, habe er Spiritualismus in der Natur entdeckt, wie zum Bespiel in der Landung eines Adlers. Voller Leidenschaft wollte er das intensivgrüne Gras beschreiben und stellte fest, dass es so gut wie unmöglich sei.

Auch das menschliche Gehirn könne man nicht begreifen. Es sei vermutlich die komplexeste Struktur im Universum und als er bei einer Gehirn-OP anwesend sein durfte, habe es auf ihn zuerst fast wie ein kleines Tier gewirkt. Dann habe er entdeckt, dass es wie ein eigenes Universum sei, mit Tälern und Flüssen. Auch wenn einige der ausgesuchten Themen unangenehm seien, habe er mit der gleichen Gewissenhaftigkeit über sie geschrieben wie über Autos oder das Gehirn. Er wollte über die Gesellschaft schreiben, über Scham und Identität.

Zum Schreiben stand er sehr früh auf, in der Regel um 03:30, dass er fertig mit dem Schreiben war, bis seine Familie wach war.

Warum gebe es Kunst und warum sei diese uns wichtig. Er beneide Maler, denn sie benötigen keine Worte, um ihren Gefühlen oder ihrer Botschaft Ausdruck zu verleihen.

Für seine früheren Bücher habe er nicht recherchiert. Bei Im Herbst habe er immer zuerst im Internet geschaut, welche Informationen zu dem gewählten Wort angezeigt wurden. Vor allem über die naturwissenschaftlichen Themen habe er viel gelesen.

Es sei ihm sehr wichtig, ehrlich zu sein und nichts zu beschönigen oder zu verschweigen. Alles aufschreiben und auch veröffentlichen zu können sei wichtiger als die Privatsphäre andere Menschen. Sicherlich sei es schwierig zu entscheiden, wo eine Grenze gezogen werden solle. Aber er sei überzeugt, dass so gut wie alles erlaubt sein solle.

Umso ehrlicher man selbst sei, umso schwieriger sei es für die andere Person und natürlich gebe es viele verschiedene Möglichkeiten etwas zu betrachten. Aber wenn er z.B. über seinen Vater schreibe und sein Leben mit seinem Vater, warum sollte ihn jemand davon abhalten dürfen. Bekannt wurde er durch seine autobiographischen Bücher, die in Norwegen den Titel “Min Kamp” tragen.

Er sei wiederholt als frauenfeindlicher Autor bezeichnet worden, weil in seinen Büchern fast nur Männer vorkämen. Für ihn sei es kein Wettbewerb, dass bei fünf Männern automatisch auch fünf Frauen im Buch vorkommen müssten. Anderseits sei ihm auch schon vorgeworfen worden, er schreibe wie eine Frau – woran man so etwas überhaupt festmachen könne.

Sein letztes Buch Im Sommer habe er aus der Perspektive einer Frau schreiben wollen und sei überzeugt, dass er vom ersten Satz an diese Frau war. Genau dies mache das Schreiben und Literatur zu etwas Besonderem.

Zum Abschluss las er den Essay über eine Toilettenschüssel.

Damit endete eine etwas skurrile Veranstaltung mit einem Autor, dessen neustes Buch ich eher nicht lesen werde.

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Lesung Elif Shafak, 17.08.2017, Edinburgh International Book Festival

Auf diese Lesung hatte ich mich lange gefreut, weil Der Geruch des Paradieses (engl. Three Daughters of Eve), das neuste Buch von Elif Shafak, zu meinen Lesehighlights 2017 gehört. (Rezension des Users Beowulf im Forum Büchereule)

Elif Shafak wollte nicht als türkische Autorin vorgestellt werden. Ihrer Meinung nach ist nicht wichtig, die Nationalität oder das Geschlecht zu nennen. In der folgenden Stunde wurde klar, dass es ihr um die Vermeidung von Kategorien geht, um Verbindendes statt Trennendem.

In „Der Geruch des Paradieses“ wird Peri, Mitte 30, in Istanbul auf dem Weg zu einer Party ausgeraubt. In ihrer Handtasche befand sich ein 16 Jahre altes Foto, das sie gemeinsam mit ihren beiden damaligen besten Freundinnen zeigt. Elif Shafak beginnt ihre Bücher gerne mit Bildern. Nach und nach erfahren die Leser mehr über die Beziehungen der Freundinnen untereinander, über das heutige und frühere Leben von Peri. (Über den Inhalt möchte ich hier nicht allzu viel verraten. Augenzwinkern )

2016 habe es in der Türkei 35 Terrorattacken gegeben, die Lebensbedingungen veränderten sich sehr schnell. Die gesamte Handlung des Buchs finde während einer Dinner Party in Istanbul statt, unterbrochen von Rückblicken, meist in Peris Kindheit und Studienzeit. Die Beschreibung der Party sei ihr fast wie beißende politische Satire vorgekommen und „Das letzte Abendessen der türkischen Bourgeoise“ sei ein passender Titel. Die Türkei habe rasante Rückschritte gemacht, besonders in diesen Kreisen, wo man in einem kurzen Gespräch von Designer-Handtaschen über die jüngste Terrorattacke hin zu anderen Themen wechsele. Dies sei eine emotionale Achterbahnfahrt, dort jedoch Alltag.

Elif Shafak

Elif Shafak beim anschließenden Signieren Foto CK

Peri und ihre beiden Freundinnen sprächen zwar mit unterschiedlichen Stimmen, könnten jedoch alle drei nacheinander Teil der persönlichen Reise eines Menschen sein. Die Hauptfigur Peri wuchs in den 80ern in einer tiefgespaltenen Familie auf. Peri sei nicht autobiographisch. Elif Shafak sagte mit einem Lächeln, dass sie ihre Ansichten lieber in den männlichen Figuren verstecke. Peris Eltern sind so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Während die Mutter bereits zu Beginn sehr religiös ist und ihre Religiosität immer extreme Züge annimmt (ähnlich wie Elif Shafaks Großmutter), ist der Vater nicht religiös und legt großen Wert auf die akademische Ausbildung seiner Tochter, die unbedingt im Ausland studieren soll.

Es folgte eine kurze Lesung aus dem Buch, in der die unüberwindbaren Gegensätze zwischen Peris Eltern deutlich werden. Peris Vater war fasziniert davon, dass im Westen ursprüngliche religiöse Orte später zu säkularen Zwecken genutzt werden können, wie zB. die Bodleian Library in Oxford und die Vergangenheit dieses Orts nicht gezielt in Vergessenheit geraten soll. Peri selbst steht zwischen allen Stühlen und hat keine neutrale Vertrauensperson mit der sie über Religion und andere Themen sprechen könnte.

Elif Shafak gefiel die Idee, diese junge türkische Frau in einen experimentellen Religionskurs bei einem provokanten Professor zu stecken. Hier träfen die unterschiedlichsten Ansichten aufeinander, fast alle von ihren Ansichten absolut überzeugt. Genau diese heute so verbreitete feste Überzeugung befremde sie, denn in der Vergangenheit hätte sich Agnostiker und Gläubige ausgetauscht, über ihre Zweifel und Gemeinsamkeiten, statt nach den Unterschieden zu suchen. Glaube sei nicht ausschließlich religiös, sondern man könne auch an andere Dinge glauben bzw. darin Vertrauen haben ohne die eigene Religion zu verraten.

Ungleichheit sei das größte Problem unserer Zeit und zwar nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern auch wenn es um Bildung gehe. Das führe zu zunehmenden Spannung innerhalb der Gesellschaft und es sei die Aufgabe der Schriftsteller Fragen zu stellen, nicht Antworten zu geben oder gar zu predigen.

Auf ihre guten Englischkenntnisse angesprochen, antwortete sie, dass Englisch ihre dritte Sprache sei. Sie habe als Zehnjährige in Madrid mit dem Englischlernen begonnen und es nie so gut gelernt wie ihre Kinder, die wirklich zweisprachig seien. Mit 15 las sie die ersten englischen Gedichte und verliebte sich in diese Sprache. Ihre Bücher habe sie anfangs auf Türkisch geschrieben, die letzten Bücher jedoch alle auf Englisch. Dann würden sie von einem Übersetzer auf Türkisch übersetzt und diese türkische Fassung dann von ihr überarbeitet. Englisch sei für zB. Satire besser geeignet und sie selbst hätte den „Bastard von Istanbul“ auf Türkisch ganz anders geschrieben. Eine andere Sprache zu sprechen verändere auch in einem gewissen Maße, Frauen würden zB. auf Englisch mehr Schimpfwörter benutzen als wenn die gleichen Personen Türkisch sprechen. Als bekannt wurde, dass sie die Originalfassungen ihrer Bücher inzwischen auf Englisch schreibe, habe es einen Aufschrei gegeben. Sie würde die Türkei und die türkische Kultur verraten – das sei jedoch nicht wahr.

Sie hasst es, sich für eine Seite entscheiden zu sollen und damit automatisch gegen die Andere. Ihre Mutter war Diplomatin und Elif Shafak lebte auch für längere Zeit in Istanbul. Dort fühlte sie sich einerseits sehr wohl, andererseits fühlte sie sich erstickt davon, entweder dazugehören zu können oder automatisch Außenseiter zu sein.

Heutzutage werden den Menschen nicht nur in der Türkei vermittelt, dass man bei seinem „Stamm“ (tribe) loyal bleiben solle, dass in dieser Gleichheit dort auch Sicherheit liege. Anderssein werde abgelehnt, dabei können man nur dann eine emotionale und intellektuelle Verbindung aufbauen, wenn man auch ihre Geschichte kenne – egal woher die andere Person stamme.

Es sei ihr bewusst, dass Vielfalt (diversity) auch viele Herausforderungen mit sich bringe, auf der anderen Seite würde das Leben durch Vielfalt um so viel reicher. Menschen, die einfache Lösungen versprechen machen ihr Angst. Es seien Demagogen, die anderen Menschen suggerierten, es habe eine großartige Vergangenheit gegeben und die Lösung liege im Ausschluss oder der Unterdrückung von Anderen bzw. Minderheiten. Leider gelinge es Demagogen oft besser, die Sorgen vieler Menschen anzusprechen – das müsse sich ändern. Auch dürfe man ihnen nicht die Begriffe „Heimat“ oder „Patriotismus“ überlassen, diese Worte sollten nicht politisch missbraucht werden.

Ihre Hoffnung sei, dass Bücher etwas in den Lesern bewegen, ohne aufdringliche Botschaften zu enthalten. Auch wenn sie selbst zB. Trump oder dem Brexit sehr kritisch gegenüberstehe, sei es ihr auch bewusst, dass nicht alle, die dafür stimmten, auch fremdenfeindlich seien.

Übersetzen sei eine Kunstform an, die kaum Anerkennung erfahre. Die Übersetzer steckten viel Leidenschaft und Zeit in ihre Arbeit, die zudem nicht gut bezahlt werde. Wenn sie selbst auf Türkisch schreibe, verwende sie zahlreiche alte Worte, die während der kemalistischen Sprachreform abgeschafft wurden. (Lehnswörter aus dem Persischen und anderen Sprachen) Ihrer Meinung nach gibt es für viele dieser Worte bis heute keine neue türkische Entsprechung, der Sprache sei etwas von ihrer Vielfalt genommen worden.

Jedes Mal, wenn eines ihrer Bücher in eine andere Sprache übersetzt werde, erscheine eine Version für eine andere Kultur. Vor allem die völlig unterschiedlichen Titel faszinieren sie. So heißt z.B. der Roman Die vierzig Geheimnisse der Liebe (orig. The Forty Rules of Love) in Frankreich Soufi, mon amour.

Hier endete die viel zu kurze Veranstaltung, die ein Plädoyer für Aufgeschlossenheit und Menschlichkeit war mit einer faszinierenden Autorin, die sich später beim Signieren viel Zeit für ihre Leser nahm.

PS. Einen Tag später moderierte Elif Shafak eine Veranstaltung mit Nicola Sturgeon and Heather McDaid. Die Aufzeichnung kann man bis zum 17.10.2017 bei BBC (http://www.bbc.co.uk/programmes/p05cqh3r) ansehen oder in diesem Youtube-Video<br

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Premiere Siegfried – Götterschweiß und Heldenblut, 15.08.2017, Lustspielhaus München

Eigentlich ist es eine Schande, sich als Kabarettfan und inzwischen offizielle Münchner Bürgerin einzugestehen, dass man noch nie im Lustspielhaus war. Aber besser spät als nie, sagt man ja so schön. An einer Litfaßsäule und bei Facebook bin ich auf “Siegfried – Götterschweiß und Heldenblut”, ein sogenanntes Germanical gestoßen und habe mich sehr gefreut, der Premiere dieses ungewöhnlichen Projektes beiwohnen zu dürfen.

Das Buch stammt von den Kabarettisten Alexander Liegl und Manfred Oskar Tauchen und Schauspielerin/Regisseurin Gabi Rothmüller, die auch selbst inszenierte. Vier Musiker und sechs Darsteller sind auf der kleinen Bühne des Lustspielhauses an diesem Abend aktiv.

(c) Gila Sonderwald

Zur Grundgeschichte sollte man eigentlich nicht viel sagen müssen, das Nibelungenlied sollte schließlich jedem im Deutschunterricht einmal untergekommen sein. Diese Inszenierung beginnt unmittelbar nach dem Kampf des Helden Siegfried mit dem Drachen Fafnir, der zu Beginn der Vorstellung noch als Luftballon über die Bühne schweben darf. Da der Bau des Walhall von Göttervater Wotan zu teuer war, verlangt seine resolute Gattin Fricka, dass er seine unverheirateten Töchter endlich unter die Haube bringen soll, um die Unterhaltszahlungen los zu werden. Vor allem Brünhilde macht ihr dabei Kopfzerbrechen, kann sie doch nur von einem Mann geehelicht werden, der sie körperlich überwältigen kann. So sendet also Wotan den Helden Siegfried aus, um Brünhilde aus der Waberlohe zu befreien. Dieser landet jedoch am Hofe des  gelangweilten Burgunderkönigs Gunther und verliebt sich dort – nicht ganz freiwillig – in dessen Schwester Kriemhild. Doch auch der König sucht praktischerweise eine Gattin, weshalb er mithilfe von Siegfrieds Stärke auszieht, um Brünhilde zu umwerben. Dies gelingt mithilfe einer Tarnkappe aus dem Schatz des Drachen, die Siegfried zusammen mit dem Ring der Nibelungen bei sich trägt. Dieser Ring erweckt die Gier des Zwergenkönigs Alberich und seines Sohnes Hagen, die ihn stehlen und damit die Welt regieren wollen.

So weit ist das Musical also eigentlich von der altbekannten Geschichte, die wir vermutlich vor allem dank Richard Wagner kennen, nicht entfernt. Jedoch wäre es natürlich keine Komödie, würden die Handlungselemente und Charaktere nicht völlig absurd dargestellt, was auch herrlich gelungen ist. Unser Held Siegfried ist hier Niederbayer, eher schmächtig und tollpatschig, Alberich dagegen erinnert mit seiner aggressiv-kindischen Art eher an umstrittene amerikanische Politiker oder berühmte Diktatoren. Brünhilde macht ihrem Ruf als Mannweib alle Ehre, wird sie doch von Thomans Wenke reimend in einem engen blauen Samtkleid so gar nicht lieblich verkörpert.

(c) Gila Sonderwald

Dass diese Übertreibungen tatsächlich großartig funktionieren ist den großartigen Darstellern zu verdanken, die jeder, der sich mit Kabarett auseinandersetzt, wohl irgendwo schon einmal gesehen hat. Besonders hervorzuheben ist hierbei Mit-Autor Alexander Liegl, der die beiden Könige verkörpert. Zum einen den gelangweilten Gunther, der sehr der – für München ja typischen – Schicki-Micki-Gesellschaft entsprungen zu sein scheint und ein rechter Warmduscher ist, wenn es um Konfrontationen und Intrigen geht. Auf der anderen Seite der Wutzwerg Alberich, der auf den Knien über die Bühne rutscht, dem es aber trotzdem nicht an Lautstärke und Größenwahn mangelt.

Der Titelheld der Geschichte kommt dabei gar nicht so heldenhaft rüber, wie man ihn sich vorstellen mag. Der junge Niederbayer Martin Frank gibt einen putzigen, übereifrigen und naiven Siegfried, der gerne mal über seine eigenen Füße stolpert aber dafür mit einer wirklich starken und rockigen Stimme auftrumpfen kann.

Bei den Frauen sticht vor allem Constanze Lindner als liebestolle Kriemhild heraus, die Siegfried mittels Liebetrank erobert, um dann erstmal in ihrer Rolle als glückliche Ehefrau aufzublühen.

Ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass ich an “Siegfried” weder musikalisch noch darstellerisch etwas auszusetzen hatte. Es ist vor allem beeindruckend, wie viel man alleine mit ein paar Kulissen (eine kleine Treppe als Gunters Thronsaal und Zinnen seiner Burg, ein paar Stoffbahnen als Wald und eine aufblasbare Wolke als Walhall), Licht und viel Fantasie aus der kleinen Bühne des Lustspielhauses herausholen kann. Der Ton war auch auf den hinteren Plätzen meistens sehr gut, wenn auch bei Ensemblenummern manchmal die Band zu laut war und der ein oder andere Sänger mal etwas unsauber artikulierte, was aber wirklich selten vorkam. Gesanglich wie schauspielerisch ist das Ensemble jedenfalls top!

Die Kostüme von Ulrike Harrassowitz wirkten gewollt-trashig, was ja auch perfekt zum Stück passt. Siegfried kommt mit engem, gold-glitzerndem Shirt und Lendenschurz daher, Brünhilde wirkt eher wie eine Clubsängerin mit ihrem/seinem blauen Samtkleid und langen Wimpern. Bloß hat sich mir nicht ganz erschlossen, wieso Gunther und Hagen Anzüge tragen, während alle um sie herum zumindest zum Großteil eher mittelalterlich angehauchte Gewänder tragen. Gestört hat mich dieses Detail jedoch keineswegs.

(c) Gila Sonderwald

Alles in allem hatte ich an diesem Abend sehr großen Spaß, so wie offenbar der Rest des Publikums auch. Bei diesem schrägen, sehr bayrisch angehauchten Musical bleibt jedenfalls kein Auge trocken und man sieht die Nibelungengeschichte definitiv mit ganz neuen Augen!

Anbei noch eine Mini-Kritik meines britischen Begleiters Jasper, der die Geschichte noch nicht kannte und auch – trotz sehr guter Deutschkenntnisse – mit dem bairischen Dialekt noch Probleme hat. Ihm hat vor allem die Musik gefallen und auch, wenn er nicht alles verstanden hat, hatte er trotzdem dank der visuellen Komik und der Darstellung der Charaktere (vor allem Brünhilde, Kriemhild und Alberich ) sehr großen Spaß. Ich denke mal, seine ersten Schritte in der Kultur des bayerischen Humors sind uns somit geglückt.

Noch bis 31. August könnt ihr die Abenteuer Siegfrieds im Lustspielhaus erleben!

 

Link zum Kartenvorverkauf und Infos über das Stück

Link zur Facebookseite des Stücks

 

Wotan / Brünhilde  Thomas Wenke

Fricka / Jungfer / Zwerg  Gabi Rothmüller

Siegfried / Urgermane  Martin Frank

Kriemhild / Urgermanin / Zwerg  Constanze Lindner

Gunther / Alberich / Urgermane  Alexander Liegl

Hagen  Aron Altmann

 

Musiker

Stephan Auer, Frank Schimann, Tina Zacher, Aron Altmann

 

Regie  Gabi Rothmüller

Choreografie  Doris Greza

Kostüm  Ulrike Harrassowitz

Bühne  Christof Wessling, Erwin Kloker

Licht  Steffi Rosner

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HMS Pinafore – The National Gilbert & Sullivan Opera Company, 05.08.2017, Royal Hall Harrogate

HMS Pinafore gehört mit The Yeomen of the Guard und  The Pirates of Penzance zu meinen Lieblingsoperetten von Gilbert&Sullivan. Neben der bezaubernden und vielfältigen Musik von Arthur Sullivan besticht die vierte Kooperation den kongenialen Duos vor allem durch das Libretto von William Schwenck Gilbert. Unter allem Humor versteckt sich einiges an Kritik an Standesdünkel, Patriotismus und unqualifiziertes Führungspersonal. Die ein oder andere Persönlichkeit dürfte sich in einer der Figuren wiedererkannt haben. Dass sich diese Kritik auch auf andere Länder übertragen lässt, zeigt sich durch den Erfolg des Stückes, das als erstes den Weltruhm von Gilbert & Sullivan begründete..

Der Matrose Ralph Jackstraw liebt Josephine, die Tochter des Kapitäns des Schiffes, auf dem er Dienst tut. diese liebt ihn auch, will sich aber ihrem Vater unterordnen, der sie mit dem First Lord of the Admirality verheiraten möchte. Als dieser von seiner Überzeugung spricht, dass Standesunterschiede egal sind, er denkt nämlich, dass Josephine ihn nicht heiraten will, weil sie sich minderwertig fühlt, planen Josephine und Ralph eine Flucht. Diese wird vereitelt und Ralph ins Gefängnis geworfen. Natürlich löst sich am Ende alles auf und es gibt eine zugegebenermaßen ziemlich löchrige Erklärung für alles. Aber mit der Logik darf man es bei Gilbert eh nie so genau nehmen.

Die Inszenierung von Donald Maxwell setzt auf Tradition mit einem Schuss Zeitkritik. Das ist äußerst unterhaltsam umgesetzt und funktioniert auch bestens. Einzig die Brexit-Referenz hätte man gerne weglassen können, schließlich heißt es Internationales G&S-Festival und nicht Britisches G&S-Festival. Einige innovative Ideen sorgen für Lacher im Publikum und ich hätte mir gerne die Produktion nochmal angesehen. Das Highlight war sicher das Terzett im 2. Akt Never mind the Why and Wherefore. Die Choreografie von Mitchell Harper unterstreicht die Musik optimal und ist sehr gut einstudiert. Schön und funktional ist auch das Bühnenbild von Paul Lazell, was man von den Kostümen Janet Morris leider nicht in jedem Fall sagen konnte. Das Kostüm von Little Buttercup war sehr unvorteilhaft und würde Josephine wirklich im Abendkleid mit ihrem Liebsten abhauen? Ein bisschen mehr Verstand hab ich ihr eigentlich schon zugetraut. Und ihr Kleid aus dem ersten Akt war so unförmig, dass es sicher niemals auf einem Schiff getragen worden wäre.

Das Ensemble hatte vor dieser Abendvorstellung schon eine am Nachmittag hinter sich und wirkte trotzdem zum größten Teil frisch und konzentriert. Nur im Männerchor gab es hin und wieder mal ein paar Ausreißer, die aber nicht weiter störten. Wunderschön lyrisch ist der Tenor von Nicholas Sales, der ein sehr überzeugendes Rollenportrait des Ralph Rackstraw lieferte. Richard Gauntlett in der Patter Rolle des Sir Joseph Porter war absolut köstlich. Toby Stafford-Allen als Captain Corcoran und Simon Wilding als Dick Deadeye ergänzten die Männerriege hervorragend. Emma Walsh sang eine wundervolle Josephine, leider harmonierte ihre Stimme für mich nicht so gut mit der von Nicholas Sales. Mae Heydorn brillierte als Little Buttercup mit dem grausigen Geheimnis. Andrew Nicklin dirigiert das National Gilbert&Sullivan Orchestra bestens und trägt viel zum Gelingen des Abends bei.

Ein sehr schöner Abend und eine ideale Einstimmung auf das 24. Internationale Gilbert&Sullivan Festival in Harrogate!

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Linda Castillo – Down a Dark Road (Kate Burkholder 9)

9:57 Stunden
ungekürzte Lesung
Sprecherin Kathleen McInerney
Hörprobe bei audible.de *klick*

Zur Autorin
Linda Castillo wurde in Ohio geboren und arbeitete lange Jahre als Finanzmanagerin, bevor sie sich der Schriftstellerei zuwandte. Ihre Thriller, die in einer Amisch-Gemeinde in Ohio spielen, sind ein internationaler Erfolg.

Zur Sprecherin
Kathleen McInerney ist in den USA als Schauspielerin tätig, u.a. auf Bühnen in New York, sowie als Sprecherin von Radio-Hörspielen, Hörbüchern und Cartoons.

Zum Inhalt
Vor acht Jahren wurde Joseph King für den Mord an seiner Frau zu lebenslanger Haft verurteilt. In seiner amischen Gemeinde galt er als Regelbrecher, der mit Alkohol und Drogen Probleme hat und zu Temperamentsausbrüchen neigt. Er ist aus dem Gefängnis geflohen und man vermutet, dass er auf dem Weg zu seinen Kindern ist, die bei Verwandten in Painters Mill leben.

Die Nachricht verbreitet sich schnell und setzt Kate Burkholder und ihre Kollegen unter Druck. Als King mit einer Waffe auftaucht und seine fünf Kinder als Geiseln nimmt, überschlagen sich die Ereignisse. Er vertritt nach wie vor die Ansicht, dass er zu Unrecht verurteilt wurde.

Kate Burkholder forscht in den alten Akten, um herauszufinden, was damals wirklich im Haus von Joseph King und seiner Familie geschah…

Meine Meinung
Seit Jahren freue ich auf den neuen Thriller von Linda Castillo, jeden Sommer ein neuer Band, stets gelesen von Kathleen McInerney, die auch die amischen Figuren überzeugend spricht.

Auch dieser klang wieder interessant, wenn auch fast ein wenig klischeehaft wie die Suche nach einem alten Familiengeheimnis oder unsauberer Arbeit bei den Kollegen von Kate. Die erste Hälfte ist wieder fesselnd, die Handlung und Motive der Figuren überzeugend. Kate Burkholder kennt Joseph King, sie möchte herausfinden, ob er wirklich unschuldig war, wie er behauptet. Dazu benötigt sie jedoch sowohl die Hilfe des amischen Bischofs und seiner Frau, als auch die der Kollegen, die damals in dem Mordfall ermittelten. Beide Seiten würden lieber die Vergangenheit ruhen lassen und gerade das macht Kate natürlich erst recht misstrauisch.

Geschickt werden Informationen über das Leben der amischen Gemeinde und Kates Vergangenheit eingeflochten. Die Beziehung zu John Tomasetti spielt diesmal nur am Rande eine Rolle.

Gut gefallen hat mir die persönliche Entwicklung von Kate, die deutlich reifer geworden scheint, sich mit dem Bürgermeister besser versteht und insgesamt etwas ruhiger wirkt.

Doch dann kam die eine Stelle, die das Buch für mich fast ruinierte. Linda Castillo lässt Kate immer wieder den gleichen Fehler machen – sie begibt sich alleine in Gefahr, ohne vorher jemanden über ihre Pläne zu informieren. Das hat mich schon vor 20 Jahren im Kino in “Schweigen der Lämmer” genervt

Spoiler

(eine Frau geht alleine in das Haus des Mörders)

und auch heute bin ich der Überzeugung, dass Spannung auch anders erzeugt werden kann.

Das Ende hingegen hat mich fast wieder versöhnt, ein schöner Abschluss dieses Bandes, eine recht überzeugende Auflösung des alten Falls und auch glaubwürdige Erklärung des Verhaltens von Joseph King.

Kathleen McInerney liest auch diesen neunten Band wieder sehr einfühlsam, verleiht den verschiedensten Figuren geschickt eigene Stimmen.

Fazit
Auch der neunte Fall ist wieder lesens- bzw. hörenswert, sollte jedoch nicht als Einstieg in diese Serie genommen werden. Linda Castillo hat einen spannenden und weitgehend überzeugenden Fall konstruiert, versteht es das mehr oder minder getrennte Leben der zwei Gruppen in Painters Mill lebendig zu schildern und ihre Figuren wachsen zu lassen. Nur schade, dass auch diesmal wieder mit der gleichen Methode Spannung erzeugt wird.
Auch den 10. Band werde ich sicher wieder hören. Kathleen McInerney ist die perfekte Sprecherin für die Serie.

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Premiere Starke Kids – Romeo + Julia 2017, 24.07.2017, Alte Kongresshalle

Romeo + Julia 2017 ©Sarré Musikprojekte

©Sarré Musikprojekte

Es ist wirklich immer wieder erstaunlich, zu welchen Leistungen Kinder und Jugendliche fähig sind, wenn sie entsprechend gefördert, aber nicht überfordert werden. Die Sarré Musikprojekte haben mit Starke Kids – Romeo + Julia 2017 erneut ein tolles Projekt auf die Beine gestellt.

Romeo und Julia lieben sich, aber ihre Liebe ist verboten, weil ihre Familien verfeindet sind. Diese Prämisse aus unzähligen Versionen des Stoffes haben die Kids aufgegriffen und unter der bewährten Regie von Julia Riegel in die Gegenwart geholt. Romeo ist ein Flüchtling, der nur mit seiner kleinen Schwester Maria nach Verona kommt und auf Asyl und ein Leben in Frieden und Freiheit hofft. Dort treffen sie auf die Montagues, eine Jugendbande, die sie freundlich aufnehmen. Bald kommt es jedoch zu den ersten Streitigkeiten mit den Capulets, einer weiteren Jugendbande. Romeo trifft Julia auf einer Party und beide verlieben sich in einander. Dies gefällt Paris jedoch nicht, der ein Auge auf Julia geworfen hat und er droht, Romeo als illegalen Flüchtling abschieben zu lassen. Bei einem Kampf zwischen den beiden verfeindeten Banden tötet Tybalt Mercutio, mit dem Romeo Freundschaft geschlossen hat. Im Affekt tötet darauf Romeo den Mörder des Freundes. Paris macht seine Drohung war und informiert die Behörden über den Aufenthaltsort von Romeo, worauf dieser abgeschoben wird. Jetzt erkennen alle Beteiligten ihre Fehler und die beiden Jugendbanden versöhnen sich.

Mashup-Theater nennt man die neuartige Herangehensweise an einen Stoff. Bekannt ist der Begriff schon länger aus der Musikszene, neuerdings wird er auch für Internet-Inhalte benutzt. Dabei werden zwei oder mehr Songs oder Posts so kombiniert, dass etwas Neues entsteht.

Romeo + Julia 2017 ©Sarré Musikprojekte

©Sarré Musikprojekte

In diese ziemlich radikale, aber doch stringente Modernisierung des Stückes wurden per Videoeinspielung Nachrichtenschnipsel eingestreut und die Geschichte des Musikers Ahmad Shakip Pouya von ihm selbst und ihm nahestehenden Personen erzählt. So erfuhr der Zuschauer hautnah, was es heißt, in ein Land zurückkehren zu müssen, in dem man jederzeit damit rechnen muss, getötet zu werden und was es für ihn bedeutete, wieder zurückkehren zu dürfen. Das war sehr bewegend. Grandios war der Comic Relief der Amme von Julia, die Samuel Levermann brillant verkörperte.

Prokofjew trifft West Side Story, das trifft die musikalische Seite des Stückes wohl am Besten. Die Leidenschaft und Hingabe der jugendlichen Akteure erweckte die schwierige Geschichte zum Leben und berührte selbst hart gesottene Menschen. Besonders hervorzuheben ist die tolle Choreografie von Ben Schobel, die sowohl die explosiven Momente des Aufeinandertreffens der verfeindeten Jugendgangs fantastisch zum Leben erweckte als auch der Hoffnung auf ein besseres Leben im wörtlichen Sinne Ausdruck verlieh.

Stücke der Sarré Musikprojekte kann man eigentlich immer uneingeschränkt empfehlen. So auch dieses, das hoffentlich, nachdem es leider nur zwei Abend- und eine Schulvorstellung gab, irgendwann wiederaufgenommen wird.

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Premiere Ben Hur, 27.07.2017, Theater viel Lärm um nichts

Ben Hur

©Hilde Lobinger

Das erste mal seit viel zu langer Zeit, dass mich mein Weg einmal wieder in die Pasinger Fabrik führt, das Kulturzentrum direkt neben dem Pasinger Bahnhof. Heute stand nämlich ein Stück auf dem Spielplan, das sich so mancher wohl erst einmal gar nicht auf einer – nicht allzu großen – Bühne vorstellen kann: Ben Hur. Die Premiere musste leider zweimal verschoben werden, was jedoch für mich großes Glück war, da ich tatsächlich erst heute dafür Zeit hatte. Also saß ich mit großer Neugier und Vorfreude in dem zweigeteilten Zuschauerraum (zwei Tribünen links und rechts entlang der Bühne). Aber zunächst einmal ein bisschen zu der Geschichte des Titelhelden Ben Hur: Die Vorlage stammt aus dem Jahr 1880 von dem amerikanischen Autoren Lew Wallace und erzählt vom Kampf des jüdischen Fürsten Judah Ben Hur gegen seinen ehemaligen Jugendfreund, den Römer Messala. Dieser hatte ihn nämlich nach einem Attentat auf den Statthalter Judäas als Sklave auf eine Galeere geschickt. Aus Hass plant Ben Hur nach seiner Freilassung einen Aufstand gegen die Römer, besiegt Messala in einem Wagenrennen, nur um dann weitere Rachepläne auf Eis zu legen, da er sich zum Christentum bekehrt.

Ben Hur

©Hilde Lobinger

Am berühmtesten ist der Stoff jedoch vermutlich durch den Monumentalfilm aus dem Jahr 1959 von William Wyler. Der unvergessliche Charlton Heston mimte hier (übrigens erstmals intensiv vor einem Bluescreen) den Helden und das mit großem Erfolg. Elf Oscars gewann das Werk, dass sich schließlich in den 90ern der Brite Rob Ballard zum Vorbild für sein Stück nahm. Doch auf der Bühne sieht man kein monumentales, opulentes Werk. Ganz im Gegenteil: alle Charaktere werden von nur 4 Darstellern gespielt und Ben Hur ist eine Frau, die sich mit einem Bart aus “Geierarschfedern” als Prinz von Judäa und großer Kämpfer tarnt. Und das beschreibt ziemlich genau den Weg, den diese 1996 in der Performance Theatre Company uraufgeführte Komödie nimmt. Die Geschichte wurde im Groben beibehalten, jedoch ins Absurde gezogen und ist an Schrägheit kaum zu übertreffen. Und hier muss ich auch eine Warnung aussprechen: wer keinen respektlosen, teils derben Humor, bösartige Witze und völlig überzeichnete Charaktere zu schätzen weiß, wird an diesem Stück und dieser Inszenierung vermutlich keine Freude haben. Ich als bekennender Monty Python-Fan habe jedoch Tränen gelacht! Die Komödie ist extrem gut geschrieben und verknüpft die Geschichte Ben Hurs mit der eines Propheten aus Nazareth, der leider im Laufe des Stücks an einem Kreuz seiner Schreinerei “Josef H. Christus & Sohn” endet. Schon in der ersten Szene werden Hirten in ihrer idyllischen Nachtruhe von einem durchgeistigten Engel namens Gabriel gestört und Messala lässt sich vor seinem Schloss knapp unter der Wasseroberfläche einen Steg von oben erwähnter Schreinerei bauen, der auch eine wichtige Rolle spielen soll. Auch dass der Titelheld eine Frau ist, stört nach wenigen Minuten nicht. Der Hass Messalas kommt von seiner unerwiderten Leidenschaft für seine Jugendfreundin und deshalb entführt er ihre Mutter und ihren Bruder und bringt sie durch einen Trick auf eine Galeere, die zwischen Judäa und Garmisch verkehrt. Ich will natürlich nicht alle großartigen Wendungen in der Geschichte verraten, nur soviel noch: das Wagenrennen ist ein absolutes Highlight!

Ben Hur

©Hilde Lobinger

Die einzige Dame in der Inszenierung ist Katharina Friedel als selbstbewusste, starke Ben, die erst gegenüber Julius Cäsar ihre Weiblichkeit und Romantik entdeckt, zeigt er ihr doch den Sternenhimmel von Rom. Die ist auch die einzige mit (fast) nur einer Rolle, die drei Herren Wolfgang Haas, Armin Hägele und Philipp Weiche schlüpfen hingegen in alle anderen. Von Bens ordinärer Mutter über schräge Showmaster bis hin zum sexy Nummerngirl. Alle vier legen jedenfalls eine gigantische Spielfreude und einen großartigen Sinn für’s Absurde an den Tag. Dabei ist es nicht immer nur albern: Wolfgang Haas zeigt einen aggressiven und von Rachegelüsten schier zerfressenen Messala und verleiht dem Charakter trotz Besen auf dem Kopf und silbernem Röckchen etwas Bedrohliches. Armin Hägele mimte unter anderem einen sehr romantischen und liebenswerten Julius Cäsar und als besonderes Highlight einen sächselnden Auftragskiller der perfekt aus 100 Metern Entfernung einen Apfel trifft, jedoch eben auch nur Äpfel und nicht sein eigentliches Ziel Messala. Und das trotz Fußverletzung des Darstellers, die er wirklich sehr gut und lustig in das Spiel mit einbezog. Regisseur Philipp Weiche hatte dagegen eher die schrägeren Rollen wie den Galeerenchef Arrius, der sich herrlich naiv wundert warum dem Sklaven Ben nach dem Schiffbruch der Bart abgefallen und Brüste gewachsen sind. Und besonders grandios als in anderen Sphären schwebender Engel Gabriel oder als mystischer Begleiter von Jesus, der am Ende eine bedeutende Rolle einnehmen sollte. Besonders möchte ich noch die Kostüme von Johannes Schrödl loben, die ich wirklich zum Brüllen fand!

©Hilde Lobinger

So ist Messalas Helm aus einem Feuerwehrhelm und einem Handkehrer zusammen gebastelt, Cäsars Umhang ist eine Weihnachtstischdecke und Bens merkwürdiger Bruder trägt einen Barockmantel und die passende Perücke.
Also Freunde des britischen und schrägen Humors, lasst euch dieses herrlich schräge Theaterereignis auf keinen Fall entgehen! Noch bis 16. September kann man “Ben Hur” in Pasing sehen.

 

Mit
Katharina Friedl | Wolfgang Haas
Armin Hägele | Philipp Weiche

Regie Philipp Weiche
Raum Peter Schultze
Kostüm Johannes Schrödl
Klangdesign Kai Taschner
Lichtdesign Jo Hübner
Deutsch von Frank Sahlberger

http://m.kulturkurier.de/va_478000.html

Fotos: Hilda Lobinger

 

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